19. IBO 2008 in Mumbai (Indien)

Die Sicht eines Schülers: vom Teammitglied Thai Le Tran

Wenn einer eine Reise tut…

0. Tag

Samstag, 12. Juli

… dann kann er was erleben. Erleben durften wir mehr oder minder freiwillig ja schon eine ganze Menge. Aber eigentlich ging der Spaß jetzt erst richtig los. Sollte man meinen.

So eine fulminanten Aussicht wie auf die Gletscher Grönlands hatten wir natürlich dieses Jahr nicht, aber auch die Schwarzmeerküste der Ukraine ist ein wundervoller Anblick, vorausgesetzt man kommt dazu, diesen zu genießen. Dazu muss man a) nah am Fenster sitzen und b) die Nerven dazu haben, runter zu schauen. Nun saßen aber im Flieger nach Mumbai sieben Nervenbündel, die eigentlich nur hofften, heil am Bestimmungsort anzukommen. Zumindest ging mir das so, und Dennis offenbar auch: beim Zubringerflug von Dresden nach Frankfurt/Main hielt er ständig seine Flasche mit Menthol an die Nase.

So ein Langstreckenflug birgt die unterschiedlichsten Erlebnisse, je nachdem, wer in nächster Nähe zu einem sitzt. Ungewaschene, laut schnarchende Nachbarn sind sicherlich der absolute Zonk, aber davon blieb ich diesmal verschont (mir blieb dieses Glück allerdings auch schon mal versagt). Auch ansonsten hält eine Reise immer neue Erlebnisse unterschiedlichster Couleur bereit. Für den versierten Jetsetter ist beispielsweise der Flugzeugfraß nichts Neues, wohl aber der exotische Gewürzgehalt der angebotenen indischen Varietät. So oder so sind Reisen in der Economy Class nicht wirklich ein Vergnügen. Über den Wolken ist die Freiheit – vor allem die Beinfreiheit – dem wohlbekannten Lied zum Trotz jedenfalls nicht grenzenlos. Auch Trinkwasser ist rar, von Ruhe zum Schlafen mal ganz zu schweigen. Wer da anderer Meinung ist, schön für denjenigen – über Zuschriften freue ich mich immer.

Nun ja, genug gemosert, denn wir haben es ja überlebt. Viel Erwähnenswertes gab es nicht, denn der Blick nach unten war häufig durch Schichtwolken versperrt. Das Schwarze Meer war da leider eine Ausnahme. Halbwegs interessant war allerdings das Filmprogramm, denn man sieht nicht alle Tage einen Bollywoodfilm, schon gar nicht einen, der sich mit Morbus Alzheimer befasst. Den Klischees dieser auch hierzulande immer bekannter werdenden Filmsparte wurde er dennoch gerecht. Aber obwohl wir uns auf direktem Weg zu der berühmten Filmeschmiede befanden, besuchten wir diese dann doch in der kommenden Woche nicht. Schade eigentlich, denn das diesjährige Motto auf den Aufgabenblättern der ersten Auswahlrunde ließ ja mehr erhoffen.

Nach knapp acht Stunden Flugzeit schlugen wir dann buchstäblich auf dem Fernflughafen in Mumbai auf. Vor Ort machten wir dann gleich Bekanntschaft mit dem bereits erwähnten, berüchtigten indischen Akzent. Man kann noch so flüssig Englisch sprechen, mit den Leuten kann man sich ohne Übung überhaupt nicht verständigen. Außerdem sprechen sie auch so furchtbar leise. Das war insbesondere bei der Einreise sehr hinderlich, nur mit Hand und Fuß konnte man sich mit den Beamten verständigen. Am Ende sind aber sowohl Leute als auch Koffer wohlbehalten angekommen.

Der Flughafen war für eine dermaßen große Stadt sehr überschaubar. Im Handumdrehen waren wir auf dem Vorplatz und wurden auch schon von einem Organisator abgefangen - von den Stechmücken scheinbar auch. Bevor wir in einen Shuttlebus bugsiert wurden, blieben noch genügend Momente, um nur einige der vielen Eigenheiten dieses Landes zu bestaunen: so waren sämtliche Schilder in Englisch und Hindi. Diese Sprache wird in Sanskrit geschrieben, das für den Laien eher eine Ansammlung von unterschiedlich großen Schnörkeln darstellt, die wie Socken an der Leine aufgereiht sind. Ebenso befremdlich wirkten die vielen Straßenköter, die am Straßenrand schliefen. Sie bevölkern die Stadt in großer Zahl - Statistiken zufolge sieht man alle hundert Meter einen Hund - und sind der Grund, warum Indien unter anderem als Tollwutrisikogebiet ausgewiesen ist. Streunende Katzen sind hingegen eher selten.

Pool im VITS-Hotel
Blick auf den Frühstücksbereich mit Swimmingpool im Atrium vom VITS-Hotel

Nach endlos erscheinender Fahrt kamen wir am VITS Hotel an, wo sämtliche Teilnehmer untergebracht sein würden. Es war bereits sehr spät in der Nacht und in der Lobby begegneten uns keine anderen Gäste. Wir ließen die Lagebesprechung insgesamt nur kurz ausfallen, der allgemeinen Müdigkeit entsprechend. Danach wandten wir uns den Hoteliers zu - mit den bekannten Kommunikationsproblemen. Im Gegenzug sind sie wiederum überaus höflich. Man musste ihnen förmlich den Koffer aus der Hand reißen, wenn man ihn eigenhändig aufs Zimmer bringen möchte. Missverständnisse waren da vorprogrammiert.

Und damit war der 0. Tag für uns auch schon wieder vorbei, künstlich verkürzt durch die Zeitverschiebung (exotische 3,5 Stunden). Vorsichtig wie wir sind, verstauten wir die Wertsachen im Hotelsafe - vorausgesetzt, man kommt mit dem Ding klar - und putzten uns die Zähne mit Mineralwasser. Hochinteressant übrigens: dieses ist fünffach behandelt, und zwar durch Sandfiltration, Aktivkohlefiltration, Ozonbehandlung, reverse Osmose und UV-Bestrahlung. Da drin befanden sich wohl nicht nur keine Bazillen, sondern auch keine Mineralsalze mehr. Schiefgehen kann da absolut nichts, aber dafür schmeckt es auch sehr schal. Dann fielen wir übermüdet in unsere Vier-Sterne-Betten und schliefen in den nächsten Tag hinein.

 

Ein Käfig voller Möchtegern-Helden

1. Tag

Sonntag, 13. Juli

Die Metropole Mumbai hat über 16 Millionen Einwohner und entsprechend groß ist sie auch - die größte Stadt Indiens. Auf jeden Fall hätte es viel zu sehen gegeben. Aber obwohl wir schnell mit Gedränge vertraut gemacht wurden – viel mehr außer dem Hotel sahen wir nicht.

Wir wachten alle ziemlich zerknautscht auf. Die Klimaanlage funktionierte zwar tadellos und die Betten waren bequem, aber in neuer Umgebung schläft es sich immer erst mal schlecht, bis man sich eingewöhnt hat. Entschädigt wurden wir durch das reichhaltige Angebot an Gratisartikeln im Bad. Neben Seife, Zahnbürsten, Kämmen und Einwegrasierern gab es zum Beispiel auch Haargel, Zahncreme mit Nelkenöl, Nähzeug und sogar eine Nagelfeile. Dafür war der Blick aus dem Fenster nicht sonderlich erfreulich. Gleich nebenan war eine Großbaustelle und wir durften den Bauarbeitern, welche gleich am Arbeitsplatz schliefen, dabei zusehen, wie sie aufwachten und ihr karges Frühstück einnahmen. Unseres war zum Glück etwas reichhaltiger.

Laut Plan war der Sonntag für die Registrierung der einzelnen Teams vorgesehen, aber auch nicht für mehr. Das war vielleicht auch ganz gut so. Man stelle sich das einmal vor: an diesem Tag befanden sich die Vertretungen aller 55 Teilnehmernationen im VITS Hotel, mit Schülern, Betreuern und Guides. Die Lobby nebst angrenzenden Räumen war total überfüllt, als Taschen, Namensschilder, Hemden und Kittel verteilt sowie Handys abgegeben wurden. Nicht auszumalen, dass die Stadtbewohner irgendwie den ganzen Tag in solchen Pulks zubringen müssen.

Deutsches Team 2008 (Eppendorf)
Unser Team in Pullis

Dann schlug die große Stunde unserer Eppendorf-Pullis. Zur Erläuterung: um das Team zu uniformieren und die Werbetrommel für unseren Sponsor zu rühren, wurden Pullover lockergemacht. Mit langen Ärmeln zum Mückenschutz – sehr vorausschauend. Und gleich zwei, falls wir den ersten durchgeschwitzt haben – auch sehr vorausschauend. Und sie waren überaus praktisch, da wärmend, in den überklimatisierten Reisebussen. So vorausschauend waren nicht mal wir. Jedenfalls ließen wir uns von vorn und hinten fotografieren, um noch mal ganz groß den Markennamen zu präsentieren. Was man dagegen auf den Fotos nicht sah: unsere Nationalität. Um den Schriftzug „German IBO Team“ auf der Vorderseite lesen zu können, musste man auf eine Distanz kommen, die in manchen Kulturkreisen wohl schon als unanständig gilt.

Etwas plakativer war da die inoffizielle Tageszeitung der IBO: die Paw Prints. Dieser Newsletter wurde tagtäglich als Hochglanzdruck an die Teilnehmer und sonstige Interessenten verteilt und sollten sie über das Wetter, die lokale Flora und Fauna und weitere Besonderheiten informieren. Außerdem gab es stets witzige Cartoons und Rätsel zu bestaunen, ebenso wie Impressionen der Teilnehmer sowie ihre Teamfotos. Wir sind zu fünft zu sehen, weil Dennis sich dazugemogelt hat. Für den unwissenden Betrachter ist das sicherlich verwunderlich - man könnte ihn ja ebenso für einen Teilnehmer halten. Einen zweiten Auftritt hatten wir dann später noch, als Arne erläutern durfte, was ‚Ich liebe dich‘ auf Deutsch heißt. Das ist ja nicht ganz trivial. Alle sieben Ausgaben der damit sehr kurzlebigen Zeitschrift sind übrigens zum Download auf der Homepage der IBO 2008 zu finden.

Wenig später verabschiedeten sich unsere Betreuer. Sie wurden im GRAND Hotel, einem Fünf-Sterne-Hotel gleich um die Ecke untergebracht, als ob vier nicht schon genug wären. Damit waren wir uns bzw. unserem Guide überlassen. Und somit wären wir bei Rahul. Eigentlich ist er ein ganz netter Kerl. Zumindest war er ähnlich zuvorkommend wie seine Landsleute und besaß auch schon ein kleines (aber wirklich nur kleines) Deutsch-Vokabular. Natürlich reichte das bei weitem nicht für eine Unterhaltung, sodass wir aufgrund des nun schon mehrfach angesprochenen Akzents lange brauchten, bis wir ihn richtig verstanden hatten – unsere erste Reaktion war oftmals ein Schulterzucken oder ein „Ähm?“. Um das Eis zu brechen, wurde eine Tüte Gummibärchen spendiert. Die stammten aus Privatbesitz. Daneben gab es noch einen ganzen Beutel voller kleinerer Bärchentüten, die als Geschenke gedacht waren. Mit Wortwitz inklusive: Har… Har… Har… IBO! Hat ihn jeder begriffen? Jedenfalls wurden sie später dankend angenommen. Wohlweislich war die Zutatenliste überklebt, wer weiß, wer sich über die Inhaltsstoffe ereifert hätte.

In unserem Zimmer hatten wir genug Zeit zum Plaudern. Durch den großen Andrang an der Rezeption sollten wir erst später nach Männlein und Weiblein getrennt werden. Dass auch dies nicht so wirklich funktionierte, merkte man beim schweizerischen Team: Gabriele, dieses Jahr der einzige männliche Schweizer, wurde seines Namens wegen natürlich mit einer Kollegin in ein Zimmer gepackt. Da hockten, saßen bzw. lagen wir nun und harrten der Dinge. Wie wir zu unserer großen Enttäuschung feststellen mussten, war uns der Ausgang nämlich untersagt. Das bedeutete keine Postkarten und schlimmer noch: nichts zu tun. Denn wie gesagt, für diesen Tag waren keine Veranstaltungen außer der Registrierung geplant. Damit waren uns die Hände gebunden und die Zeit verging nur schleppend. Da wurde man auf andere Teams richtig neidisch, die bereits einige Tage zuvor eingeflogen waren und bereits die Gelegenheit hatten, in der Metropole auf Erkundungstour zu gehen. Uns blieb nur der Fernseher. Da es ein Verbot von Glücksspielen gab, durfte man nicht mal in der Lobby Skat oder Mau-Mau spielen, ohne für Missverständnisse zu sorgen.

Durch die beengten Räumlichkeiten ergaben sich die gesamte Woche über nur wenige Gelegenheiten, mit anderen Teams in Kontakt zu treten. Oftmals blieben diese auch auf ihren Zimmern, uns ähnlich, lediglich am Swimmingpool oder in der Lobby traf man vereinzelt andere Teilnehmer an. Und obwohl über 30 von ihnen bereits im vergangenen Jahr an der IBO teilgenommen hatten, war die Anzahl der bekannten Gesichter gering. Am besten verstanden wir uns wie beim letzten Mal mit den Schweizern, nicht nur wegen der deutschen Sprache, sondern auch weil wir ihre joviale Art immer zu schätzen wussten. Auch international sind sie für ihre Großzügigkeit bekannt: jedes Jahr haben sie die tollsten Geschenke mit, dieses Mal unter anderem kleine Bälle in den Landesfarben der Eidgenossen. In den kommenden Tagen haben wir noch sehr viel Spaß mit ihnen gehabt.

Erfreulich war auch ein Gespräch, das ich im Essensraum (der übrigens an chronischem Sitzplatzmangel litt) mit einem der Organisatoren führte. Dieser war bereits in Deutschland gewesen und besaß daher einiges an Vorbildung. Durch sein nahezu perfektes Englisch konnte man so mit ihm über anspruchsvolle Themen wie Probleme nach der Wiedervereinigung, das Aufsteigen der Linkspartei in der Wählergunst und das eventuelle Verbot der NPD diskutieren. Er lobte Deutschland unter anderem für seine Sozialgesetzgebung und seine abweisende Haltung gegenüber dem Irakkrieg. Es berührte einen irgendwie auch peinlich, dass dieser Inder mehr wusste und offenere Augen hatte als mancher Bundesbürger.

Ansonsten war dieser Tag für uns enttäuschend ereignislos. Zu allem Überfluss zog er sich auch noch ungewollt in die Länge. Rahul übernachtete nämlich mit im Jungenzimmer auf dem Sofa, offenbar das Resultat einer Sparmaßnahme. Und er kehrte erst nachts um 11 von einem Meeting der Guides zurück und versäumte es nicht, uns dabei zu wecken. Sein Klingelton mag zwar zugegebenermaßen cool sein, aber zu fortgeschrittener Stunde vermag sich diese Ansicht schnell ändern. Er war ziemlich perplex, als wir uns tags darauf darüber beschwerten, aber danach war es um die Tageszeit ruhig.

 

Ouvertüre

2. Tag

Montag, 14. Juli

Jetzt geht’s los! Die 19. Olympischen Sommer… äh, Internationale Biologieolympiade wurde offiziell eröffnet. Nicht mit so großem Tamtam wie das Schwesterevent in Peking und schon gar nicht mit Pyrotechnik, aber optisch wahnsinnig aufregend. Die Aufregung wurde sogleich fachmännisch wieder beseitigt.

Es herrschte Spannung im fernen Morgenland. An diesem Tag begann die Woche, auf die alle Beteiligten Wochen, wenn nicht sogar Monate oder gar Jahre gewartet hatten. Und dieser Tag begann mit dem inzwischen allseits bekannten Gedränge. Frühstück und damit Raubtierfütterung war angesagt, und wieder einmal zeigte sich, dass die Konferenzräume im Erdgeschoss einem derartigen Ansturm von hungrigen Mäulern nicht gewachsen waren. Aber immerhin wurden diese gut versorgt: es gab sowohl für den europäischen Esser gewohnte Speise als auch die hiesigen Frühstücksgerichte mit den nicht entzifferbaren Namen. Wer sich daran versuchte, schaffte es durchaus, sich seine Zunge schon am frühen Morgen zu verbrennen.

Danach herrschte kurzzeitig wieder Chaos, als die laut plappernden Teilnehmer auf die Mannschaftsbusse verteilt wurden. Die orange gekleideten Guides fuchtelten wild auf der Suche nach ihren Schützlingen herum und hatten offenbar alle Mühe, sie in die richtige Richtung zu lenken. Man hatte aus der Not eine Tugend gemacht und Schilder an Lineale geklebt, mit denen nun eifrig gewunken wurde. Mit Verspätung war immer zu rechnen, und wir reden hier nicht von akademischen Vierteln. Verschlimmert wurde es noch dadurch, dass heute alle in formeller Kleidung zu erscheinen hatten. Wir hielten es mit der preußischen Tugend der Pünktlichkeit, aber es wäre eigentlich immer klüger gewesen, eine ruhige Kugel zu schieben. Einerseits konnte man in Ruhe aufessen und sich umziehen, andererseits fror man sich in den Bussen den Arsch ab. Noch schlimmer als ihre amerikanischen Kollegen bestehen die indischen Bus- und Taxifahrer offenbar darauf, dass in ihren Gefährten gefühlte Kühlschranktemperatur herrscht.

Der Weg zum Veranstaltungsort, dem GRAND Hotel, war zum Glück nicht lang. In einem anderen Land hätte man die Strecke glatt zu Fuß gehen können, nicht so hier. Es gibt praktisch keine Bürgersteige und die Straßen sind chronisch verstopft. Aus Sicherheitsgründen war ein Ritt auf Schusters Rappen also nicht möglich, das hätte mindestens Verletzte gegeben. Wir kamen stellenweise nur im Schritttempo vorwärts, aber wie sich noch herausstellen sollte, war das gar kein Vergleich zu dem, was auf längeren Routen passieren konnte.

Deutsches Team 2008 mit Konsul
Gruppenfoto mit Generalkonsul Walter Stechel (Mitte)

Vor Ort wartete bereits unser Betreuerteam, inzwischen leicht ungeduldig angesichts der Verzögerung. Aber da diese ohnehin noch im Anwachsen begriffen war, blieb noch genügend Zeit für diverse Gruppenfotos mit den anderen Mannschaften. Die Stimmung war ungezwungen - noch. Es waren vielleicht die letzten Momente, bevor bei wirklich jedem Teilnehmer im Kopf angekommen war, dass es um die Wurst geht. Einige hatten sogar schon vorher auf Ernst umgeschaltet und hatten Notizen zum Lernen oder gar den großen Campbell höchstpersönlich mitgenommen.

Zum traditionellen Eröffnungsprogramm gehört der Fahneneinmarsch. Jede Nationalmannschaft trägt die eigene Landesflagge auf die Bühne und begrüßt kurz die anwesenden Zuschauer. Außerdem ist es die Gelegenheit schlechthin für einen Bio-Olympioniken, seinen Patriotismus durch entsprechende Kleidung Ausdruck zu verleihen. Die weißrussischen Trachten waren ebenso beeindruckend wie auch die weiten Gewänder der Japaner und Südkoreaner - bei letzteren komplett mit Jadegürtel. Da es keine wirkliche deutsche Nationalkleidung gibt (wir hatten uns im Vorfeld dann doch dagegen entschieden, uns mit unserer Fußballelf zu solidarisieren), blieb es bei der stinknormalen Empfangskleidung. Über angemessenes Schuhwerk wollen wir hingegen mal lieber nicht reden.

Und dann ging es endlich los - und wie. An Stars wurde auf der Bühne nicht gespart, namhafte Musikanten und Tänzerinnen verstanden es, die regionale Musik und Choreografie so faszinierend wie nur möglich darzubieten. Meine schriftliche Beschreibung ist natürlich völlig unzulänglich. Es ist geradewegs überwältigend, was für unterschiedliche Töne man den traditionellen indischen Instrumenten (deren Namen übrigens so aussagekräftig wie jene des Essens sind) entlocken kann oder wie man von hunderten Glöckchen an den Fesseln ein einziges klingeln lässt. Der Wirbel aus den bunten Kleidern der Tänzerinnen und den Händen der Spieler wirkte geradewegs mesmerisierend. Es ging über Stunden und fühlte sich an wie Sekunden. Wir hätten den Darbietungen wochenlang zuschauen können.

Tanzvorführung
Darbietungen auf der Eröffnung der 19. IBO

Dass sich Sekunden auch wie Stunden hinziehen können, das bewiesen wiederum die Redner. In inzwischen wohlbekanntem indischen Akzent und der damit untrennbar verbundenen monotonen Klangfärbung wurde ausschweifend und detailreich über die ausgiebige Vorbereitung der Olympiade geschwafelt und allen, aber wirklich allen Personen gedankt, die sie ermöglicht hatten. Und der Redner gab es mindestens drei, ich kam irgendwann nicht mehr hinterher, denn im Wesentlichen sagten sie alle dasselbe. Dieser Sermon wurde übrigens zur Abschlusszeremonie noch einmal wiederholt. Was man hier verschlief, konnte man also später noch ein zweites Mal hören.

Eine schillernde Ausnahme gab es natürlich, wie immer. Dr. Hans Morélis, Niederländer und der zu diesem Zeitpunkt noch amtierende Präsident der IBO, vermag immer wieder tolle Antrittsreden herbeizuzaubern. Er hat einen Sinn für Humor, den man unter Akademikern seines Schlags sonst nahezu vergeblich sucht, er weiß sogar, was ein Deutscher mit FKK meint. Und er versteht es - vielleicht noch besser als das Tanz- und Musikensemble - junge Zuhörer in seinen Bann zu ziehen, auch dieses Jahr wieder mit ganz einfachen Mitteln. Um die Anwesenden wieder aufzuwecken und sogar die Streber unter den Biologen von ihren Campbells zu holen, reichten ihm dafür eines dieser magischen Stereobilder (ich sah nur eine Ansammlung grauer Fusseln, aber es sollte wohl IBO heißen) und ein simples chemisches Experiment, die Blue Bottle. Er teilte uns mit, worum es wirklich geht: Spaß zu haben und Freunde zu finden. Man solle eben über den Ernst, die ein Wettbewerb dieser Größenordnung mit sich bringt, nicht die Freuden, die eine Reise zu bieten hat, verlieren. Und - angesichts der ausgeglichenen Geschlechterverteilung - solle man sich nicht zu sehr ablenken lassen. Wir sollten in den kommenden Tagen unser Bestes tun, diesen Ratschlägen Folge zu leisten.

Eingestreut in das Eröffnungsprogramm ist übrigens noch ein weiterer Punkt, der ebenfalls nicht wegzudenken ist: der olympische Eid, in doppelter Ausführung. Warum das? Ganz einfach, nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die Juroren geloben feierlich, nicht zu unlauteren Mitteln zu greifen. Dieses Jahr war Dr. Lucius an der Reihe, den Eid vorzulesen, seine Kollegen sprachen ihn entsprechend nach. Dann waren wir an der Reihe, und natürlich haben wir nicht die Finger gekreuzt. In der Tat ist es aber schon einige wenige Male in der Geschichte der IBO vorgekommen, dass Teilnehmer wegen Betrug aus dem Wettbewerb ausgeschlossen wurden.

Für den Rest des angesagten Programms begann dann doch wieder der Ernst des Lebens. Während die Jury sich verzog, um die Aufgaben für den kommenden Tag zu übersetzen und zu diskutieren, sollten uns die Räumlichkeiten für die praktischen Prüfungen demonstriert werden. Für die Fahrt war eine Stunde veranschlagt und das sagte eigentlich schon alles: das Homi Bhabha Center for Science Education, kurz HBCSE, wo die Examina stattfinden sollten, war an der Peripherie der Stadt gebaut, während die Hotels mehr zentral gelegen waren. Und von A nach B zu gelangen ist eines der größten Probleme in Mumbai.

An dieser Stelle habe ich die Gelegenheit, einmal kurz das Straßenbild der Metropole zu beschreiben, wenn es vorwärts geht. Die Straßen innerhalb der Stadt sind für die Maßstäbe des Landes in sehr gutem Zustand und teilweise sogar sechsspurig. Leider ist das Verkehrsaufkommen dennoch so groß, dass nahezu permanent der Verkehr stockt. Häufig sah man Kleinlaster des Marktführers TATA (daher nannten wir sie - Achtung Insiderwitz! - TATA-Boxen), doch da sich nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung ein eigenes Auto leisten kann, sind die meisten Leute in Autorikschas unterwegs, kleine Gefährte mit zumeist drei Rädern und keinem Katalysator. Zur Hauptverkehrszeit stehen die Dinger gewissermaßen bis zum Horizont, daher bezeichnete der deutsche Generalkonsul den Verkehr der Innenstadt als „Hölle auf Erden“. Auch Ampeln und Verkehrsschilder sind nämlich Mangelware und größtenteils ist der Verkehrsfluss selbstregulierend. Probleme gibt es aber bei Hindernissen auf den Straßen, wie den Baustellen für die Metro, die eines Tages mal selbige entlasten soll, oder den heiligen Kühen, die aber zum Glück im Stadtgebiet nur selten auftauchen.

Zwar ohne Umwege, aber mit Hindernissen kamen wir dann am HBCSE an. Moderne Institutsgebäude sehen anders aus. Quaderförmige Betonbauten inmitten eines botanischen Gartens - der gesamte Komplex hatte etwas Barackenähnliches an sich. Sein Inneres im Übrigen auch, die Einrichtung sah aus, als wäre irgendwann vor zwei Jahrzehnten mal die Zeit stehen geblieben, vielleicht auch noch eher. Es gab sogar noch Plumpsklos, nur die Ventilatoren waren nagelneu. Der Eindruck lässt sich schwer beschreiben: penibel geschnittene Buchsbäumchen und abblätternder Putz direkt nebeneinander.

Die Versuchsanordnungen und Arbeitsplätze waren dennoch in annehmbarem Zustand und wir versuchten anhand der Gerätschaften, Werkzeuge und Chemikalien zu erraten, was uns am nächsten Tag erwarten könnte. Sehr aufschlussreich war es allerdings nicht - die vielen Plastikwannen in der Zoologie blieben ein Rätsel -, einmal abgesehen vom Prüfungsraum für Ethologie: Laptops an jedem Sitzplatz. Viel mehr gab es nicht zu sehen, erwähnenswert ist aber noch die Markierung der Plätze für die Prüflinge: da die vier Teilnehmer einer Nation die Prüfungen nacheinander durchlaufen, wurden ihre Tische mit kleinen Fähnchen markiert. Und es zeigte sich, wie viel Wert auf politische Korrektheit gelegt wurde: das autonome Taiwan hatte nur das IBO-Logo auf den Blättchen, um die chinesische Delegation nicht zu verärgern. Der Konflikt zwischen Unabhängigkeitsbestreben auf der einen und Ein-China-Politik auf der anderen Seite dauert übrigens weiterhin an.

Strand von Mumbai
Verkaufswagen mit indischem Obst am „sauberen“ Strand von Mumbai

Und so endete ein definitiv abwechslungsreicher Tag, nach einer weiteren langen und sehr kalten Busfahrt wurden wir wieder im Hotel abgeladen. Zeit für das Abendessen, aber da erzähle ich nicht viel Neues: die Würze der Gerichte ist eigentlich bei allen Mahlzeiten gleich, egal ob Morgen, Mittag oder Abend. Es bleibt aber zu erwähnen: im Gegensatz zu den uns bisher bekannten Büffets waren die nicht-vegetarischen Speisen explizit ausgewiesen - vegetarische Küche scheint der Regelfall zu sein. Auch einige wenige europäische Gerichte gab es, wie so häufig wurde die italienische Gastronomie als vorrangiger Repräsentant ausgewählt. Aber da wusste man wenigstens, woran man war: bei den indischen Gerichten hingegen sagt die Farbe absolut nichts darüber aus, wie scharf es ist, egal ob rot, gelb, orange, hellbraun, dunkelbraun, grün, weiß oder grau. Und mit den Namen konnte kaum jemand etwas anfangen. Ein britischer Teilnehmer meinte: „Ich mag zwar indisches Essen, aber es scheint mich nicht zu mögen.“

Die verbliebene Zeit am Abend nutzen wir dann nicht mehr wirklich produktiv - wir waren uns darin einig, uns nicht kurz vor der Prüfung noch Unmengen von Wissen einzubläuen, denn damit kratzt man sich nur noch unnötig auf. Da erschien Kartenspielen zur Entspannung viel sinnvoller. Von diesem Prinzip machten wir auch an späteren Tagen noch weitestgehend Gebrauch - weshalb wir dann allerdings so viel schwere Lektüre mitgebracht haben, nur um dann so gut wie nicht darin zu lesen, hat sich mir bis jetzt noch nicht völlig erschlossen.

Der Plan, sich anschließend noch eine ausreichende Mütze Schlaf vor der ersten großen Anstrengung zu holen, ging dann aber nicht auf: im Innenhof des Hotels tobte eine ausgelassene Party. Und so grün das Image der Architekten auch war, die Schallisolation hatte offensichtlich darunter gelitten. Da möchte man vor lauter Frust am liebsten „we don’t need no education“ mitgrölen. Nach einer telefonischen Beschwerde war man dann jedoch so gnädig, denn Schallpegel etwas zu dämpfen. Aber für den kommenden Tag waren Tränensäcke vorprogrammiert.

 

Ernstfall Nummer eins - Code Gelbgrünrotblau

3. Tag

Dienstag, 15. Juli

Genug mit dem Vorgeplänkel, jetzt wurde es ernst: der erste der beiden Prüfungstage stand an. Es war punktetechnisch eine gute Gelegenheit vorzulegen, wohl wissend, dass einem Teilnehmer gewisser anderer Nationen in der puren Theorie wahrscheinlich überlegen waren. Ob man sie nutzen konnte, steht auf einem völlig anderen Blatt…

Kittelpracht der 19. IBO
Die Kittelpracht der 19. IBO in Mumbai: Christina Kuhlmey, Maren Büttner, Arne Jahn und ich

Am Dienstag wurde es richtig farbenfroh. Zum ersten Mal kam es zum Einsatz der Laborkittel. Dazu muss man folgendes sagen: sie waren knallbunt (so etwas würde ich nie in der Öffentlichkeit tragen) und reichlich unpraktisch – dicker Stoff und kurze Ärmel. Entsprechend der vier Prüfungsgruppen bestand jede Mannschaft aus jeweils einem gelben, grünen, roten und blauen Individuum. Letztlich bestand ihr einziger Sinn und Zweck in der farblichen Unterscheidung der Teilnehmer und den erfüllten sie auch zur vollkommenen Zufriedenheit.

Das ist schon ein Anblick, ein ganzer Reisebus voller bunter Gestalten. Die daraus hervor ragenden Köpfe dagegen waren nicht selten trüb und umwölkt. Das lag wohl zum einen an der allgemeinen Müdigkeit (empfindlicheren Leuten konnte durchaus der Jetlag noch zu schaffen machen, und vergessen wir nicht die Disco vom Vorabend), andererseits auch an der ebenso weit verbreiteten Prüfungsangst. Nicht wenige dürften noch einmal ihre Nase in diverse Unterlagen gesteckt haben – Hefter, Karteikarten, Taschenbücher. Campbells sah ich zwar keine, aber wahrscheinlich gab es auch diese. Ob das half, sei dahingestellt. Es ging an diesem Tag ohnehin mehr um die Praxis, auch wenn natürlich einiges an Fachwissen vonnöten war.

Praktisch dachten die Veranstalter jedenfalls auch und schickten die Busse in aller Frühe los. Eine kluge Entscheidung angesichts des stets unberechenbaren Stadtverkehrs. An jenem Tag waren die Straßen allerdings verdächtig leer. Entsprechend war vor Prüfungsbeginn noch über eine halbe Stunde Zeit, um sich unnötig die Nerven zu zerfetzen. Wir wurden fein säuberlich nach Farben sortiert und in den Vorräumen des Homi Bhabha abgestellt. Freundlicherweise funktionierte die Klimatisierung nicht, was der ohnehin schon überreichlichen Produktion von Schweiß noch weiteren Vorschub verschaffte. Aber wenigstens war dieser dann nicht mehr kalt. Schließlich war es soweit und alle grünen, gelben, roten und blauen Menschen durften sich gemäß des Ländercodes im Gänsemarsch in Richtung der Labors bewegen.

Da sich an dieser Stelle die Wege der vier Mannschafsteilnehmer trennen (eigentlich ja schon vorher), seien nun auch die vier jeweils einstündigen Prüfungen getrennt dargestellt. Sie sind in der Reihenfolge beschrieben, wie ich sie erlebt habe, unterschiedlichen Meinungen zufolge der optimalen Aufgabenverteilung. Es begann je nach subjektivem Empfinden ein/e Lustspiel/Drama/Tragödie in den klassischen fünf Akten. Für die passende Komik sorgte die Jury - die Umschläge mit den Aufgaben waren mit witzigen Reimen versehen, die auch andeuteten, dass die Übersetzungsarbeiten bis in den frühen Morgen hinein gehen - in diesem Falle 4:44. Angesichts dessen überlegt man es sich sehr genau, ob man wirklich später als eventueller Betreuer und damit Juror bereitstehen will.

Botanikprüfung
Versuchsaufbau der Botanikprüfung

1. Einheit: Lackaffen im Blätterwald – die Botanikprüfung

Anforderungen an die Feinmotorik sind am frühen Morgen eine feine Sache. Das dachte ich mir jedenfalls, nachdem ich die Aufgaben und den Versuchsaufbau gesehen hatte. Die Prüfung war zweigeteilt und ein überwiegender Anteil der Punkte ging in die Auswertung des Öffnungszustandes von Spaltöffnungen. Ausgangsmaterial waren acht Nagellackabzüge von Blattepidermen. Der Trick an der Sache: die Proben waren in mit Wasser gefüllten Döschen aufbewahrt und mussten erst mühsam mit einem Pinsel herausgefischt werden. Da der Brechungsindex des Lacks offenbar nahe bei 1,3 lag, war es schon ein Kunststück, die Abzüge überhaupt zu erkennen. Der Rest ging dann wieder einigermaßen, offene und geschlossene Spaltöffnungen mussten gezählt und daraus Rückschlüsse über die physikalische Wirkung von Licht, pH-Wert, diversen Ionen und anderen Substanzen mit mysteriösen Abkürzungen gezogen werden. Der zweite Teil war dann klassisch: anhand von gefärbten Dünnschnitten von Blatt und Stamm einer unbekannten Pflanze sollte ermittelt werden, was sich für Gewebe darin befanden und wo diese gewachsen sein könnte. Die Aufgabe hätte glatt von Prof. Uhlarz stammen können. Ich sprach mich für Mangrovenwald aus, aber so ganz genau wusste es scheinbar keiner. Da es sich allesamt um sehr zeitaufwändige Arbeitsschritte handelte, konnte man sehr leicht in Zeitnot geraten.

2. Einheit: Ein wohldosierter Hemmkomplex – die Biochemieprüfung

Noch ein echter Klassiker. Das Enzym ?-Lactamase verleiht bekanntlich Bakterien Resistenz gegenüber dem Antibiotikum Penicillin. Dessen Abbauprodukt lässt sich mithilfe eines Komplexbildners sichtbar machen – das ist die Grundlage für ein photometrisches Experiment. Außerdem hatte dieses Enzym einen Inhibitor, der ebendiese Farbreaktion in Abhängigkeit von seiner Konzentration verminderte oder auch gänzlich unterband. Das klingt ja alles schön, gut und einfach. Aber Analysen dieser Art sind leider ziemlich fehleranfällig und damit auch deren Auswertung - die Abweichungen pflanzen sich natürlich mit jeder Rechnung fort. Hinzu kam, dass durch die langen Reaktionszeiten in der einen Stunde Prüfungszeit nur ein einziger Versuchsansatz gefahren werden konnte. Jedenfalls musste man wohl oder übel mit dem vorlieb nehmen, was das Photometer an Werten ausspuckte und was der Taschenrechner dann daraus machte. Diese Werte mochten die Kontrolleure scheinbar nicht, jedenfalls kann man die Anzahl der Schüler, die mehr als die Hälfte der Punkte erreichten, beinahe an den Fingern abzählen.

Intermezzo: Raubtierfütterung – das Mittagessen

Auch hier herrschte allgemeine Zeitknappheit. Jeweils 110 Menschen innerhalb einer Stunde durchzufüttern ist schon mal schlichtweg unrealistisch. Die Schlangen vor dem Büffet waren schon hinsichtlich der Färbung ein Foto wert. Der unbedarfte Teilnehmer hatte aber noch mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen: wer zu wenig aß, ging das Risiko ein, dass am Nachmittag der Sprit zu schnell ausgehen würde. Wer wiederum zu viel aß, drohte für die nächste Prüfungseinheit ins Suppenkoma zu fallen. Zudem bestand wie immer die Gefahr, dass die indische Küche zu unerwünschter Übelkeit führen könnte. Schlussendlich ist jeder einen mehr oder minder nahrhaften Kompromiss eingegangen und der Kampf ging um eine halbe Stunde verspätet, aber dennoch unvermindert weiter - nicht ohne dass einige Knallköpfe wieder zwischendurch gebüffelt hatten.

3. Einheit: Garantiert nicht grätenfrei – die Zoologieprüfung

Zur allgemeinen Freude war diesmal weniger Geschick gefragt, sondern mehr Leseverständnis und Kombinationsgabe. Wie sich herausstellte, waren in besagten Plastewannen doch keine zu sezierenden Tiere (die wohl bei den Temperaturen auch rasant vergammelt wären), sondern nur neun Skelettmodelle. Es galt, sie anhand ihrer charakteristischen Merkmale den einzelnen Wirbeltierklassen zuzuordnen und für die dargestellten Individuen Rückschlüsse über deren Lebensweise zu ziehen. Es handelte sich übrigens nicht um echte Skelette - angesichts der benötigten Anzahlen benutzte man nur Repliken aus einem undefinierbaren Material. Leider erschwerte dies erheblich das Zählen der Halswirbel. Im Grunde dieselbe Aufgabenstellung wurde dann in einem Tüpfelplattenexperiment wiederholt: Urinproben sollten halbquantitativ auf den Gehalt an Ammoniak, Harnstoff und Harnsäure untersucht werden - auch dies erlaubt eine ungefähre taxonomische Einordnung der angeblichen Urheber. Natürlich waren es in Wirklichkeit simulierte Gemische - wer die Augen aufmerksam aufriss, konnte am Kühlschrank im Mikroskopierraum lesen, was in welcher Konzentration in angeblichem Fischpipi drin war. Jedenfalls war dies die einzige Prüfungseinheit, die im gegebenen Zeitraum locker erfüllt werden konnte.

4. Einheit: Ganz großes Kino - die Ethologieprüfung

Biologie mal ganz modern: die am Vortag viel bestaunten Laptops kamen hier zum Einsatz. Wenn man bedenkt, dass gleich 55 Stück der nicht ganz billigen Geräte aufgebaut waren, wird schnell klar, warum die Organisatoren so froh über eine finanzielle Beteiligung des Departements für Kernenergie waren. Noch bevor wir uns aber mit dem allseits beliebten Windows herumärgern durften, war kühle Logik gefragt: für die Problemstellung, die Reaktion von Fliegenmaden auf Geruchsstoffe zu untersuchen, war der passende Versuchsaufbau gesucht. Erst danach durften die zugehörigen Videos abgespielt und ausgewertet werden. Das ging ziemlich auf die Augen: man musste die Drosophilas in spe nämlich auszählen. Angesichts der geringen Auflösung der Videos war das aber eher eine wimmelnde weiße Pixelmasse - zu entscheiden, ob das nun eine Made oder drei nebeneinander waren, war nahezu unmöglich. Ich bin der Meinung, dass ich womöglich der einzige war, der Screenshots mit Paint bearbeitete, um der Kontrastprobleme Herr zu werden, aber auch das half nicht sonderlich viel. Einfacher wurde es dann, als die ziemlich heftige Reaktion eines Kampffisches auf sein Spiegelbild zu beschreiben war, denn das ist wenigstens ein Tier handhabbarer Größe. Alles in allem denke ich, dass diese Prüfung mehr etwas mit guten Augen und Beobachtungsfähigkeiten als mit echten Kenntnissen zu tun hatte - aber in der Praxisprüfung ging es ja gerade um solche handwerklichen Skills.

Dieses Jahr waren es in der Summe vier Stunden Laborarbeit, verglichen mit den sechs vom letzten Jahr ein ganzes Drittel weniger. Aber angesichts des enormen Drucks konnte man in keiner Weise behaupten, dass sie auch nur irgendwie entspannender gewesen seien (es sei denn, man sieht Kurzfilme mit plusminus sechs Dutzend Fliegenmaden als entspannend an). Das dachte sich die Eventorganisation offenbar auch und hatte geplant, die müden Krieger ans Meer zu schicken: Juhu Beach. Dieser Name klingt ja schon euphorisch und erfrischend.

Blöd nur, wenn man ihn nie zu Gesicht bekommt. Wir steckten nämlich im Stau und kamen und kamen nicht vorwärts. So allmählich wurde uns klar, warum das die Hölle sein musste: es war bitterkalt durch die munter arbeitenden Klimaanlagen und der Ruf der Natur wurde auch allmählich lauter. Etwas über zwei Stunden müssen wir unterwegs gewesen sein für eine Strecke, die tags zuvor nur eine dauerte. Der Strandgang wurde entsprechend komplett gestrichen. Ein Vergnügen wäre es ohnehin wohl kaum gewesen: wir hatten zwar bunte Laborkittel, aber keine Badesachen dabei, es gab an einigen Abschnitten ein exzessives Müllproblem, Zeitungsberichten zufolge waren Feuerquallen angespült worden und es regnete junge Hunde. Da war er, der Monsun, und wir mussten durch. Es war das erste von nur zwei Malen, dass wir ihn zu Gesicht bekamen. Für die örtliche Wasserversorgung ist das eine Katastrophe: es waren beständig Wassertankwagen unterwegs, um der Bevölkerung an den Stadträndern Trinkwasser auszuliefern oder den Bauern die Bewässerung ihrer Felder zu ermöglichen. Daher fällt auch in Indien das Wort Klimawandel zunehmend häufiger.

Müde und mit ziemlich ausgeleierter Blase kamen wir dann wieder am GRAND Hotel an. Der Tag war definitiv gelaufen. Für die geradezu verschwenderische Innenarchitektur hatten wir daher auch nur noch ein spärliches Interesse, auch wenn wir natürlich schon einen gewissen Neid äußerten - wieso hat die Jury, was wir nicht hatten? Gewissermaßen als Entschädigung wurden wir von unseren wie immer geduldig wartenden Mentoren in eine Bar (aus Jugendschutzgründen ab 21) eingeladen. Aber bei dem gealterten Anblick, den wir machten, merkt das keiner, oder? Beim Smalltalk gaben wir natürlich allesamt an, ein gutes Gefühl nach den praktischen Examina zu haben. Nach ein wenig Knabberzeugs und offenbar aus Chlorwasser hergestellten Eiswürfeln ging es dann aber auch schon wieder zurück zu unserer eigentlichen Unterbringung, wo dann auch nichts Nennenswertes mehr geschah. Aber wie gesagt, wir hatten ein gutes Gefühl.

 

Ein bisschen Spaß muss sein

4. Tag

Mittwoch, 17. Juli

Mumbai rühmt sich, den größten Wasserthemenpark von ganz Asien zu besitzen. (Dass sich hier in unmittelbarer Nähe auch das größte Elendsviertel von ganz Asien befindet, darüber spricht man aber nicht so gern.) Jedenfalls war dies unser Ziel für den Pausentag - Zeit, die Seele baumeln zu lassen!

Es ist bestimmt im Organisationskomitee irgendwann auch einmal die Frage gefallen, ob dieser Programmpunkt denn überhaupt unserer Altersgruppe gerecht würde. Die Antwort war dann wahrscheinlich: nein, aber wir haben nichts Besseres. Was eigentlich nicht ganz stimmt - an Sehenswürdigkeiten ist die Stadt ja nicht arm. Aber das Problem wird wohl in der schieren Anzahl der Teilnehmer und der wie immer fragwürdigen Sicherheitslage gelegen haben, also ging es raus aufs Land.

Natürlich ist besagter Vergnügungspark in einiger Entfernung von der Stadt gebaut, also verließen wir den Moloch Mumbai zum ersten und einzigen Mal völlig auf dem Landweg. Die Fahrt war entsprechend lang, erst gegen Mittag sollten wir an unserem Ziel ankommen. Grund genug für mich, einige Impressionen von den Dingen, die am Straßenrand vor sich gingen, weiterzugeben.

Da im Veranstaltungsplan der Olympiade eine Stadtbesichtigung sträflich vernachlässigt wurde, waren die Busfahrten eigentlich der einzige Weg, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Es war ein sehr zerrissenes Bild: die Schere zwischen Arm und Reich klaffte in dieser Stadt (und wahrscheinlich in ganz Indien noch viel mehr) gewaltig auseinander. Auf der einen Seite ist da die Finanzhauptstadt mit ihren Bürohochhäusern und Luxushotels, auf der anderen die ausgedehnten Slums, die unkontrolliert wachsen. Am GRAND fangen die Wellblechhütten sogar direkt an der Grundstücksmauer an: Grauzonen ohne Strom, Wasser und Sanitäranlagen - und wohl auch ohne Gesetz. Einige Stadtteile sehen aus wie komplett zerbombt, weil aus den verwahrlosten Gebieten unentwegt Material entfernt wird, um es anderorts wieder zu verbauen.

Großwäscherei
Die „Großwäscherei“ im Kern von Mumbai

Dieses Problem ist eigentlich nicht unbekannt, aber augenscheinlich schwer zu bekämpfen. Die bunten Plakate der Bollywoodfilme reichen bei weitem nicht aus, um das Elend zu verdecken, aber die Methoden der Armutsbekämpfung scheinen wenig zu fruchten. Es sind unter anderem Maßnahmen wie die Errichtung von Hochhäusern geplant, um Fläche zu sparen und erschwingliche Wohnungen zu bauen. Natürlich soll dies auf dem Areal der Slums geschehen - was während der Bauarbeiten mit dessen Bewohnern geschieht, danach fragt scheinbar niemand. Es wird gemunkelt, dass im Baugewerbe mafiöse Strukturen etabliert sind, denn das Geschäft boomt und der Rubel rollt - Hochbauten schießen wie Pilze aus dem Boden, mit schwer kontrollierbarer Qualität und Sicherheit und mit unüberschaubaren Folgen für die Infrastruktur.

Außerhalb der Grenzen des Stadtkerns wird einem dieser Anblick zum Glück erspart. Beiderseits der Straße ist bereits wenige Kilometer von der Stadt entfernt mit einem Mal nur noch ländliches Gebiet zu sehen, als gäbe es die nahe Metropole gar nicht. Viel gibt es dort nicht mehr: eine Menge Grün, kleine, rückständige Dörfer, hier und da vielleicht ein Polizeiposten. Und interessanterweise zahlreiche religiöse Bauten. Indien ist ein Land mit vielen Religionen (was leider auch fruchtbaren Nährboden für Extremismus bildet), entsprechend vielfältig ist die Zahl der Verehrungsmöglichkeiten. Von Kirchen, Moscheen und Synagogen bis hin zu buddhistischen und hinduistischen Tempeln, einfach alles. Die Grenzen scheinen mancherorts zu verschwimmen - wir sahen Opferschreine für Jesus Christus und St. Antonius, die genauso gut Shiva oder Wischnu hätten gewidmet sein können. Man brauchte nie lange zu suchen, um allerorts religiöse Symbole zu finden: der Dreizack, das Om und die Swastika. Während ein Deutscher unweigerlich zusammenzuckt, ist es für einen Lastwagenfahrer ganz normal, Hakenkreuze auf die Karosse zu malen, um das Fahrzeug vor Unfällen zu bewahren. Um ehrlich zu sein, so ganz haben wir uns nie daran gewöhnt, selbst ich nicht, obschon ich über die ursprüngliche Bedeutung des Symbols eigentlich gut unterrichtet bin - man findet es auch bei mir zu Hause.

Am Zielort machte die Tropensonne ihrem Namen alle Ehre. Ohne adäquaten Sonnenschutz und Insektenabwehr war man an diesem Ort ziemlich aufgeschmissen. Aber auch die fürwahr hochsommerlichen Temperaturen sollten uns nicht davon abhalten, die Strapazen der vergangenen Prüfung vergessen zu machen. Möglichkeiten gab es genug: auf dem Areal waren dutzende Attraktionen aufgebaut, die freilich nicht alle für uns nutzbar waren - es gab nicht selten eine Körpergrößenbegrenzung. Solange man sich aber keine Gedanken über die Sicherheit machte, stand dem Spaß nichts im Wege. Ich persönlich habe Kirmes, Kleinmesse und solche Dinge nie wirklich gemocht und besaß eine gesunde Skepsis gegenüber den Karussells und Achterbahnen, also wurde ich als Gepäckaufpasser abdelegiert. Vielleicht fühlte ich mich auch ein wenig zu erwachsen, aber da stand ich scheinbar auf ziemlich verlorenem Posten - nicht nur die anderen Olympioniken, sondern auch zahlreiche indische Familien tummelten sich mit großem Spaß auf dem Gelände. Die Zeit nutzte ich stattdessen, um zu dichten und um unsere Gastgeschenke zweiter Ordnung an den Mann zu bringen.

Ja, ein Novum: diesmal gab es als Gastgeschenke nicht nur Naschwerk, sondern auch kleine Textmarker in sechs verschiedenen Farben und eng begrenzter Stückzahl. Im Gegensatz zu den Schweizern, die ihre „Typhusbälle“ (sie deuteten scherzhaft an, die Konkurrenz damit infizieren zu wollen) mit vollen Händen verteilen konnten, kamen wir auf weniger als zweihundert Stifte. Die Aktion, im Vorfeld bei Lidl größere Mengen zu hamstern, scheiterte leider an der großen Nachfrage und mangelnder Koordination. Dennoch machten wir allen Abnehmern damit viel Freude - nachdem wir sie darüber aufgeklärt hatten, dass dies Schreibwaren und keine Bonbons waren.

Übrigens forderte das tropische Klima an diesem Tag die ersten Opfer. Scheinbar kippten einige Teilnehmer angesichts der Hitze um, Gerüchten zufolge handelte es sich ausschließlich um Skandinavier. Wir konnten da mehr wegstecken, aber hier und da stellte sich doch ein leichtes Schwindelgefühl ein. Glücklicherweise brachte dann ein weiterer Regenguss Abkühlung. Zuvor verschafften sich die Gäste diese aber bevorzugt an einer Attraktion, bei welcher ein Waggon auf Schienen mit einem Affenzahn ins Wasser eintaucht - das gibt eine schöne Gischtfontäne. Hier zeigte sich auch, dass die Technik hierzulande weniger taugt als gewünscht - als bei einer Fahrt der Schwung des Wagens nicht ausreichte und dieser auf halber Strecke stehen blieb, versuchten die Techniker als erstes, ihn anzuschieben - eine bessere Methode gab es offenbar nicht.

Der Wasserthemenpark selbst war von solchen, die man hierzulande findet, im Grunde genommen nicht sonderlich verschieden, was die Whirlpools und Wasserrutschen betrifft, aber die ganzjährig warme Witterung erlaubte eine Freilufterrichtung. Das war freilich schon etwas Besonderes. So sehr viel Freude hatten wir daran aber nicht, angesichts des bereits angesprochenen Mangels an Badekleidung. Macht nichts - Pläsir verschaffte auch das Studium der Baderegeln: zum Beispiel war der Austausch von Körperflüssigkeiten im Wasser ebenso untersagt wie das Tragen von Saris und ähnlicher Textilien.

Und das war’s auch schon wieder. Zum Abschluss wurde noch ein Gruppenfoto gemacht, auf dem vielleicht ein Fünftel aller Teilnehmer wirklich sichtbar war, dann ging es im Bus wieder zurück. Was uns blieb, waren kitschige Käppis und ähnliches als Souvenir und die Feststellung, dass es das Kind im Manne (oder in der Frau) offenbar in der indischen Gesellschaft in ganz anderem Maße gibt als bei uns.

Ein anderer kultureller Unterschied dagegen ging uns so allmählich auf den Keks. Das indische Essen machte uns zwar in punkto Würze nicht mehr so sehr zu schaffen - durch bedingte Aversion meidet man irgendwann die richtigen Sachen - aber der Nährwert entsprach nicht so wirklich dem, was wir kannten. Abwechslungsreich war es zwar (in Geschmacksfragen weniger, aber immerhin was die Zutaten betrifft), die Kost war jedoch im Allgemeinen ziemlich leicht. Arne freute sich jedes Mal darüber, einen „ordentlichen Batzen Eiweiß“ auf dem Teller zu haben und vermutete, dass es in Indien wohl gar nicht so leicht sei, dick zu werden. Das muss für Christina und Maren wohl eine außerordentlich beruhigende Aussage gewesen sein - angesichts der großen physischen Belastung konnte ich ihren geringen Appetit nicht zur Gänze nachvollziehen.

 

Wissen macht Aua!

5. Tag

Donnerstag, 18. Juli

Grau, mein Freund, ist alle Theorie. Diesmal waren 4,5 Stunden wirklich äußerst grauer Theorieprüfung angesagt und das an einem einzigen Vormittag. Diese Maßnahme diente offenkundig dazu, das Teilnehmerfeld noch mal richtig auseinanderzudrücken. Ein wenig farbenfroher wurde es erst, als das Examen vorüber war.

Übersetzer bei der Arbeit
Hier „schwitzen“ die Juroren bei der Übersetzung der theoretischen Klausur

Im Grunde genommen gab es am Donnerstagmorgen wieder dasselbe Procedere wie zwei Tage davor. Sogar die Kittel mussten weiterhin getragen werden, aus Gründen der eindeutigen Raumzuordnung. Der Unterschied bestand lediglich darin, dass es diesmal keinen fliegenden Zimmerwechsel geben sollte - die theoretischen Examina finden für alle zeitgleich statt. Aber auch sie sind geteilt, diesmal in zwei Einheiten: Multiple-Choice und Komplexaufgaben. Allen Teilnehmern der zweiten Auswahlrunde und aufwärts ist dieser Aufbau mit Sicherheit ein Begriff (um genau zu sein, ihre Aufgaben basieren in großem Maße auf der theoretischen Prüfung der Olympiade des vorangegangenen Jahres). Was anders ist: die schiere Menge an Aufgaben im Verhältnis zur verfügbaren Zeit.

Für die ersten beiden Stunden war der allseits beliebte Kreuzeltest angesagt. MC-Klausuren laufen im Allgemeinen recht geschmeidig ab: wenn man keine Ahnung hat, kann man schließlich immer noch raten - auch wenn das auf diesem Niveau nicht mehr allzu häufig passieren sollte. Bei knapp hundert Aufgaben war dies eine absolut realistische Angelegenheit. Auch die Thematik war ausgewogen, weil nur eine einzige Frage gestrichen worden war - man denke nur an vergangenes Jahr, wo gleich ein Fünftel aller Aufgaben dem Rotstift zum Opfer fiel und daher ein großes Ungleichgewicht zwischen den Themenbereichen herrschte. Da man auch mit lockerem Arbeitstempo im Limit fertig wurde, gab es viel Anlass zur Zuversicht.

Zwischen dieser und der nächsten Klausur gab es nur eine kleine Teepause mit staubtrockenen Keksen und Chai. Beide Examina vor dem Mittagessen durchzuziehen ist in meinen Augen absolut gemein, aber was will man machen. Da man sowieso nicht satt wurde, plauderten die Teilnehmer aufgeregt: der moderate Schwierigkeitsgrad gab viel Anlass zu Diskussionen. Insbesondere machte sich Besorgnis breit, weil nah aneinander liegende Ergebnisse in der Theorie die Praxis zum Zünglein an der Waage werden lassen würden - nicht für jeden ein angenehmer Gedanke. Diese Schlussfolgerung ist übrigens nicht ganz korrekt: bei gestauchter Gesamtpunktzahl sorgt die Normierung über den t-Score dennoch dafür, dass die Punktabstände in der Endwertung gebührend bleiben - aber selbst kleine Fehler fallen dann stark ins Gewicht.

Im Übrigen war diese Sorge vollkommen unberechtigt. Wir behaupteten hinterher bitter, dass die MC-Klausur nur dazu diente, um noch mal Selbstbewusstsein zu tanken, bevor man von den Komplexaufgaben platt gemacht wurde. Hier zeigte sich, warum die indischen Gastgeber so stolz auf ihre Aufgaben waren: sie waren alle ausgeklügelt und abwechslungsreich, erforderten wie erwünscht mehr kombinatorische Fähigkeiten als reines Wissen, und sie waren verdammt schwer. Hier wurde man als Biologe auch mit Fragen jenseits des fachlichen Tellerrandes konfrontiert, zum Beispiel der Spieltheorie, einem speziellen Zweig der Mathematik. Das Aufgabenpensum war nur durch enorm straffe Arbeit überhaupt zu schaffen, und Flüchtigkeitsfehler waren nahezu unvermeidlich. Wer fertig wurde, konnte sich glücklich schätzen. Angesichts dieser hohen Anforderungen erscheint es geradezu paradox, dass in einer Rechnung mit der Näherung ?=3 gearbeitet werden sollte. Na ja, dann kürzt es sich zwar so schön im Kugelvolumen, aber der große indische Mathematiker Ramanujan, der sich intensiv mit dieser Konstante beschäftigte, hätte sich garantiert im Grab umgedreht.

Entsprechend war die Stimmung auch ziemlich gedämpft (daran änderte auch der Herzliche Glühstrumpf am Ende der Aufgabenblätter nichts), als es dann zum Freizeitprogramm am Nachmittag überging. Vorausschauenderweise hatte man daher den Berg zum Propheten gebracht: der Haat-Basar, eine Art Dorfmarkt, fand direkt in den (noch im Umbau befindlichen) Räumlichkeiten des Instituts statt. Natürlich war wieder einmal alles fürchterlich eng, denn auch die Jury fand sich zu dieser Veranstaltung mit ein - nach den Prüfungen sind Zusammenkünfte erlaubt, weil es ja nichts mehr zu verraten gibt.

Es war eine der besten Gelegenheiten, sich mehr oder weniger dauerhafte Andenken zu besorgen: zu vergleichsweise sehr geringen Preisen konnte man Armreife oder Flöten kaufen, manche Souvenirs gab es auch gratis: vor Ort wurden Fotoschlüsselanhänger angefertigt, Künstler schrieben Namen auf gespaltene Reiskörner und das schöne Geschlecht konnte sich mit Pflanzenpigmenten - deren Namen ich mir einfach nicht merken kann, aber so ist das mit Kosmetik ja häufiger - Ornamente auf die Haut bannen lassen. Der Andrang und der damit verbundene Sauerstoffverbrauch waren dementsprechend groß.

Ich nutzte die Zeit (denn was will ich mit einem vollgekrakelten Unterarm, den ich auch noch eine halbe Stunde lang nicht berühren darf), um noch ein paar von meinen Stiften loszuwerden und mit den Organisatoren der nächsten IBO ins Gespräch zu kommen. Auch für die 20. Biologieolympiade in Tsukuba wurde bereits früh mit der Vorbereitung begonnen. Wer sich im Internet umschaut, stellt fest: die offizielle Website der Japaner hat sogar schon aktuelle Wettervorhersagen zu bieten, und auch jede Menge Prominenz: der Kaiser höchstpersönlich ist Ehrenpräsident der Olympiade! Man ist optimistisch, dass alles gut verläuft: die Finanzierung ist offenbar bereits unter Dach und Fach und die Resonanz im eigenen Land ist groß (kein Wunder, wenn sich sogar der Tenno dafür einsetzt). Die Anzahl der Erstrundenteilnehmer konnte im Vergleich zum Jahr davor sogar verdreifacht werden - davon kann man in Deutschland nur träumen. Durch das gewachsene Interesse hofft man auch, dass die eigene Mannschaft in Zukunft ihre Ergebnisse noch steigern kann, bislang konnte Japan im Kampf um die Spitze nicht wirklich mithalten und rangierte eher im oberen Mittelfeld.

Am Abend erhielt unser Repräsentant der deutschen Süßwarenindustrie, das Gummibärchen, noch einmal eine besondere Ehrung. Auf dem Krakelbrett im Hotelparterre durften die Teilnehmer sich mit allerlei Zeichnungen verewigen und hatten sich darauf eingeschossen, die Umrisse ihrer Nation oder zumindest ein Wahrzeichen derselben darauf abzubilden. Nicht gerade nett waren die Australier: ihr Känguru trampelte auf dem neuseeländischen Kiwi herum. Da für uns nicht mehr viel Platz übrig war, entschlossen wir uns, das Brandenburger Tor als nationales Symbol zu zeichnen und diskutierten heftig, wie viel Säulen es denn hat. Gezeichnet haben wir vier (wie sich nach Betrachtung einer 20c-Münze herausstellte, sind es in Wirklichkeit sechs). Um unsere Unkenntnis zu verschleiern, schrieben wir „aller guten Dinge sind vier“ daneben. Zur Abrundung verpassten wir der Quadriga besagtes Gummibärchen als Wagenlenker.

Auch wenn wir zuvor eher weniger Gebrauch davon gemacht hatten, jetzt brachte es wirklich nichts mehr, in Lehrbüchern zu schmökern. Stattdessen war wie sonst auch ein Studium der Tageszeitungen angesagt. Zum Hotelservice gehörten auch diverse Nachrichtenblätter am Morgen und so erfuhr man leicht, was Indien bewegte. Dazu gehörten z. B. die Baumzählung: um am grünen Image der Metropole zu arbeiten, wird regelmäßig die Anzahl der Bäume ermittelt. Das wirkt sich enorm aufs Stadtbild aus: alles, was unter die Definition „Baum“ fällt, hat rote und weiße Querstreifen am Stamm. Ein sehr irritierender Anblick. Andere Artikel berichteten über Terroranschläge (die kommen nahezu wöchentlich vor, diesmal waren es maoistische Rebellen), die bereits erwähnte Wasserknappheit und Monsuntote (insbesondere durch Tropenkrankheiten, nicht gerade beruhigend), die bevorstehende Abstimmung über den Nuklearpakt mit den USA (der übrigens bejaht wurde, meines Wissens nach aber in den USA noch heftig diskutiert wird) und Kricket, den indischen Volkssport. Außerdem gab es eine Art abgespeckte Version von Dr. Sommer und seitenweise Klatsch über diverse Bollywoodstars. Offensichtlich steht es mit dem Niveau des indischen Zeitungsgewerbes nicht viel anders als in Deutschland.

 

Hoch hinaus und tief hinab

6. Tag

Freitag, 19. Juli

Die für die Teilnehmer entscheidenden Tage waren um - jetzt war gewissermaßen alles egal, von der Arbeit der Jury einmal abgesehen. Die war eigentlich auch schon am Tag zuvor zu Ende gegangen und der Freitag daher mit einem gemeinsamen Programm ausgestattet. Aber wieder einmal kam alles anders.

Nach dem Ernst des Lebens war dieser Tag ganz der Populärwissenschaft und Museumskultur gewidmet. Erstes Ziel war das Nehru Science Center, eine Einrichtung ähnlich der Phänomenta in Deutschland, komplett mit Mitmachexperimenten und ähnlichen spektakulären Aufbauten. Wenn man die Altersstufenfrage mal wieder außer Acht lässt, könnte man sich hier gut und gerne einen ganzen Tag vergnügen.

Weniger ein Vergnügen war, dass vom Mentorenteam nur Christiane aufgekreuzt war. Und dann bekamen wir erst mal den Kopf gewaschen, von wegen, was wir für dumme Fehler begangen hätten. Verständlicherweise sind unnötige Fehler auch die ärgerlichsten und scheinbar haben wir eine ganze Anzahl davon fabriziert: Faselfehler, nicht befolgte Aufgabenstellungen, Gleitkommafehler und was noch so alles zur Fauxpas-Palette gehört. Dafür stehen wir grade, aber da Irren doch menschlich ist, empfanden wir das schon als ziemlich hart. Das saß erst mal. Für zukünftige Olympiaden sollte womöglich auch der Umgang mit Erwartungsdruck noch einmal überdacht werden, denn bloße Lippenbekenntnisse bringen in solchen Situationen wenig. Und süße Ironie: danach durften wir erst mal wieder mit gezwungenem Lächeln für ein Mannschaftsfoto herhalten.

Da war es erst mal weg, das gute Gefühl der vergangenen Tage. Aber auch wenn Medaillenträume in Gefahr geraten, die Show muss trotzdem weitergehen. Das wurde durch die Bühnendarbietung ein wenig erleichtert, man nahm sogar richtig was fürs Leben mit - unter anderem die Erkenntnis, dass Trinken mit 1,5m-Strohhalmen sehr kompliziert ist, das Aufpusten von Bratenschläuchen dagegen sehr einfach. So unterhaltsam das Ganze war, so kurz war es auch: alles musste schnell gehen, schnell in den nächsten Raum, die nächste Etage, das nächste Gebäude, damit nur ja der Zeitplan eingehalten wurde (so ernst nahm man es und so selten klappte es).

Dennoch gab es ausreichend Gelegenheiten, das Spielkind in sich (also den Physiker) mal raus zu lassen. Die Experimente zur Mechanik, Optik und Akustik waren in der Tat eindrucksvoll und sind wohl am indischen Maßstab gemessen geradezu superb. Entsprechend waren dort auch etliche Schulklassen in weißen Uniformen auf Exkursion und wuselten emsig zwischen uns herum. Ob sie sich wirklich die Mühe machten, die Erläuterungen zu den Exponaten anzusehen oder gar durchzulesen, bleibt fraglich. Wir dagegen lernten sicherlich weniger dazu, erfreuten uns aber an der einen oder anderen Applikation, insbesondere im optischen Bereich.

Im Hause Gandhis
Im Hause Gandhis

Um auch ja ein ausgewogenes Programm darzubieten, ging es aus der Physik sofort hinein in die Landesgeschichte. Ein echter Langweiler, möchte man meinen - mit der falschen Einstellung war es das auch. Aber da wir ja einige unangenehme Vorwürfe in den Hintergrund zu drängen hatten, ging es letztlich doch. Von der Entwicklung der Zivilisation im Industal über die Kolonialzeit bis zu den Heldentaten von Mohandas alias Mahatma Gandhi und dem ersten Ministerpräsidenten Pandit Nehru - zu bestaunen gab es viel. Aber nach den vergangenen Tagen und angesichts der zahlreichen harten historischen Fakten ist das Biologenhirn schnell überladen, sicherlich hätte man unter anderen Bedingungen weit mehr mitnehmen können.

Die Mittagspause war natürlich kurz und wie immer waren die Mahlzeiten abgepackt. Es zeigte sich ein sehr deutlicher Unterschied in den Methoden der Frustbekämpfung: während die weibliche Fraktion auf den Großteil ihres Essens verzichtete (das wird wohl diesmal nichts mit Schlankheitswahn zu tun gehabt haben), aßen Arne und ich dagegen wie die Scheunendrescher (und das wird mit gesundem Appetit nichts zu tun gehabt haben). Ich habe noch meinen Riegel Vollmilchschokolade abgetreten, denn augenscheinlich hatten meine Kameraden aufmunterndes Mood Food um einiges nötiger als ich.

Und weiter ging es mit den Berieseln: nächster Halt war das Planetarium. Auf dem Programm stand eine ganz besondere Präsentation, die offenbar auch erst ab diesem Tag verfügbar war: es ging um Sonne und Mond. Der Zuhörer wurde mit allerlei Fakten über die beiden von hier aus betrachtet hellsten Himmelskörper und einschlägigen Doppelbildern bombardiert. Das eigentliche Sahnehäubchen war dann eine Beschreibung des indischen Mondprogramms. Die aufstrebende Wirtschaftsmacht Indien investiert nämlich nicht nur in Atomraketen, sondern hat auch ihre eigene Raumfahrtagentur. Die Vorbereitungen für den Abschuss der Sonde „Chandrayaan-1“ liefen zu dem Zeitpunkt auf Hochtouren und das Planetarium diente dazu, das Projekt einem etwas breiteren Publikum zugänglich zu machen. In Asien hat es augenscheinlich wie überall in der Welt einen hohen Prestigewert, ins Weltall vorzustoßen, Indien gibt sich größte Mühe, mit China und Japan mitzuhalten. Der Ehrgeiz ist groß: in der Simulation sah man einen Kosmonauten eine indische Flagge ins Mondgestein stecken. Zeitplan: vielleicht in 20 Jahren.

Während für uns dieser Tag also relativ geruhsam zu Ende ging oder dies zumindest tun sollte, schlug die große Stunde der Jury. Nach dem gemeinsamen Programm begann nämlich nun die große Ranglistendiskussion. Als Teilnehmer erfährt man natürlich nichts Genaueres über die Dinge, die sich in den Tagungsräumen der Juroren abspielen, aus offensichtlichen Gründen. Von wildem Spekulieren kann dennoch keine Rede sein, denn die groben Abläufe sind kein Geheimnis: es sind große Säle mit Unmengen von PCs und noch größeren Mengen koffeinhaltiger Getränke. Mittendrin sitzt die Jury und schreibt und mäkelt im Vorfeld der Klausuren an den Aufgaben bzw. rechnet und mäkelt an den Ergebnissen, wenn die Klausuren vorbei sind. In unserem Falle bedeutete das insbesondere, unsere Fehler klein zu reden und die Punktabzüge zu mildern. Das kann sich durchaus über etliche Stunden erstrecken, sodass im Veranstaltungsplan zu sehen war: sollte sich die Diskussion über die Medaillenvergabe zu lange hinziehen, haben die Juroren am Samstagvormittag nicht dasselbe Programm wie die Teilnehmer. Das sind harte Auflagen, aber diesmal schien doch eine recht schnelle Einigung gefunden zu sein - tags darauf lief alles wie geplant.

Zur selben Zeit saßen wir in unseren Zimmern beim Kofferpacken. Unsere Abreise würde sehr überhastet stattfinden und dementsprechend mussten alle Vorbereitungen verfrüht getroffen werden. Der Plan: Abreise direkt nach der Abschlussveranstaltung. Die verkürzte Reise sollte das Infektionsrisiko so gering wie möglich halten, entsprechend kamen wir auch alle mit leicht verstimmten Mägen und Erkältungen (wegen der Klimaanlage) davon. Schade war das trotzdem, denn dieses Jahr waren Post-IBO-Tours im Angebot, um den geplagten Mannschaften nach der großen Anstrengung noch einige touristische Höhepunkte zu bieten, ähnlich, wie wir es letztes Jahr auf eigene Faust taten. Orte wie Goa oder Agra hätte ich sicherlich gern gesehen, aber ich gehe mit den Gründen eines abgekürzten Aufenthaltes mit.

 

Das große Finale

7. und 8. Tag

Samstag, 20. Juli und Sonntag, 21. Juli

Nach der Eröffnung der zweite Tag, der von allen sehnsüchtig erwartet wird: die Abschlussveranstaltung. Auch die schönste Olympiade hat einmal ein Ende, nach einer Woche hieß es wieder Abschied nehmen, von der Stadt, der Unterbringung, den anderen Teilnehmern und den Laboratorien. Und es war Zeit, abzuräumen!

Nun ja, noch nicht ganz - die Feierlichkeiten waren ja auf den späten Nachmittag und Abend angesetzt. Für den Vormittag war ein Besuch des Tata Institute for Fundamental Research vorgesehen. Einige Worte zu Tata: dies ist einer der größten Konzerne in Indien. (Ist Konzern überhaupt das richtige Wort?) Vor allem bekannt in der Automobilbranche, vereinigt dieser Name unter anderem auch Bergbau, Hütten- und chemische Industrie, Telekommunikation und Lebensmittelproduktion unter seiner Ägide. Wir sahen Lastwagen von Tata, Handys, die mit Tata telefonierten, wir tranken sogar Mineralwasser von Tata. Bestimmt ist mir noch irgendetwas entgangen. Inzwischen expandiert dieser etwas größere Familienbetrieb (der Chef ist natürlich ein Nachfahre des großen Tata) bereits international und soll unter anderem im Besitz von Land Rover sein. Indien ist wirklich als angehende Industrienation zu respektieren und ist daher nicht nur Ziel ausländischer Investitionen en masse, sondern beginnt auch selbst, im Ausland zu investieren. Bei der Bevölkerung kommt nur bislang scheinbar nicht viel von dem Wohlstand an…

Aber wir machten es mal wieder anders und folgten der Einladung des Generalkonsuls Walter Stechel, anstatt uns mit der Grundlagenforschung zu beschäftigen. Um das bisherige Defizit einer Stadtbegehung wettzumachen, bot er an, uns zu diversen Sehenswürdigkeiten im südlichen Teil der Stadt zu führen. Also ging es im Diplomatenwagen quer durch die „höllischen“ Straßen Mumbais. Das bietet gewisse Vorteile, wie es scheint: zum Beispiel müssen Autos mit den blauen Nummernschildern keine Parkgebühren zahlen, und man hat gewissermaßen eine Art unsichtbares Vorfahrtsschild auf der Kühlerhaube kleben.

Erster Halt war Dhobi Ghat, eine riesige Freiluftwäscherei. Tausende Arbeiter waschen hier gegen einen verschwinden geringen Obolus Wäsche aller Farben und Stoffe. An zahllosen Wäscheleinen hingen die Textilien, nach Farbe geordnet: angeblich gehen hier anteilsmäßig weniger Wäschestücke verloren als in „konventionellen“ Wäschereien. Aber kostengünstiger Service hin oder her - es ist dennoch ein Ausdruck himmelschreiender sozialer Ungerechtigkeit, ebenso wie das Mädchen, das die ganze Zeit nebenher versuchte, uns Souvenirs anzudrehen. Es hörte erst auf, nachdem wir wieder ins Auto gestiegen waren, und man hat immer ein schlechtes Gefühl dabei, solche fürwahr bemitleidenswerten Menschen abzuweisen.

Ein weiterer Aspekt des Stadtlebens war der Hauptbahnhof, ein sehr geräumiges Gebäude. Die Regionalzüge befördern tagtäglich 7 Millionen Pendler, nahezu die halbe Stadtbevölkerung. Obwohl sie sehr häufig fahren, sind sie daher immer überfüllt - obwohl es keine Sitze in den Zügen gibt, um mehr Fahrgästen Raum zu bieten. Aus einem fahrenden Zug scheinen die Menschen daher förmlich herauszuquellen und Gerüchten zufolge fallen pro Tag etwa zehn Leute aus ihnen heraus. Bei dem Gedränge gibt es natürlich keine Schaffner, und aus Anstandsgründen gibt es Waggons, die nur für Frauen vorgesehen sind. An diesem infrastrukturellen Missstand soll sich demnächst einiges ändern: die Metro soll die Bahnlinien ebenso wie die Straßen um einige Hunderttausend Fahrgäste entlasten.

Auf dem nahegelegenen Naturalienmarkt gab es so ziemlich alles zu kaufen, was der Mensch essen kann. Wir bekamen einige Kostproben von lokalem Obst (das ich als Südostasiat natürlich besser kannte als alle anderen), insbesondere aber von der Königin der Südfrüchte: der Mango. Die Mangos werden hier zu großen Stückzahlen angebaut und geerntet und schmecken wesentlich besser als jene, die man in Deutschland im Supermarkt findet - sie dürfen ja schließlich am Baum reifen. Generalkonsul Stechel bringt seiner Familie bei jedem seiner seltenen Besuche eine Kiste mit, auch einige von uns nahmen welche als Souvenir mit (die übrigens auch erfolgreich am deutschen Zoll vorbeikamen). Von anderen Dingen ließen wir aber die Finger, zum Beispiel den vielen Haustieren, die in engen Käfigen zum Verkauf bereitstanden.

Auch einige Wahrzeichen der Stadt ließen wir uns nicht entgehen, so das Postamt (obwohl ich mir leider nicht mehr sicher bin, dass es das wirklich war), das Stadtgeschichtliche Museum (bei dem Namen bin ich mir auch nicht sicher), das Hafenmonument Gateway of India und das Luxushotel Taj Mahal. Auf einer Fünf-Sterne-Skala hat dieser Nobelbau eigentlich sechs verdient - und wem gehört er? Richtig, Tata. Eine Skulptur des Firmenbegründers und weltberühmten Parsen befindet sich im Treppenhaus des Hotels. Die Parsen sind eine eigene Religionsgemeinschaft (auch Freddy Mercury ist ein Parse) mit eigenartigen Bestattungsriten: ihre Leichen werden in runden, offenen Gebäuden abgelegt, wo sie von Geiern verzehrt werden. Bestattungen lehnen sie ab. Sie stellen einen wichtigen Bestandteil der gesellschaftlichen Elite, ihre Zahl ist aber im Schwinden begriffen.

Beim Mittagessen (Mann, tut es gut, mal wieder ein Steak auf dem Teller zu haben!) plauderten wir dann noch über dies und jenes, insbesondere Dr. Lucius‘ Schauergeschichten von seinen vielen Auslandsreisen. Besonderes Schmunzeln - auch wenn das eigentlich nicht witzig ist - rief seine Geschichte mit dem Blutegel hervor. Dem Biss dieses Tieres schreibt er eine partielle Gesichtslähmung zu, welche wohl die Ursache seines leichten Schielens ist. Jedenfalls nimmt er Ungeziefer dieser Art nun sehr, sehr ernst. Danach besuchten wir die Dachwohnung von Herrn Stechel im 36. Stock - wunderbare Aussicht über die Stadt, kann man nicht anders sagen - und zogen uns für das Abschlusszeremoniell um. Da wir zeitlich schon in Verzug waren, hasteten wir los, um noch rechtzeitig zu Beginn der Festivitäten anzukommen.

Die Sorge war unberechtigt: Die Veranstalter hatten auch mit Verspätungen zu kämpfen. Als wir am Nehru Center ankamen, wurde immer noch getanzt, und wir konnten uns in aller Ruhe über Cola und Kuchen hermachen. Verpasst haben wir also nichts. Danach kam wieder das Standardprogramm: Reden, Reden, Reden. Wie schon gesagt, wirklich aufpassen musste man dabei nicht, aber die Erstellung der Aufgaben ist und bleibt erwähnenswert: eine Bearbeitungszeit von über einem Jahr ist respektabel. Den Anteil der reinen Wissensfragen konnte auf unter 5% gedrückt werden. Dafür waren die Korrektoren wohl bisweilen etwas starrköpfig. Danach präsentierte Dr. Morélis noch mithilfe eines simplen optischen Tricks, dass bei der IBO Freunde gegenüber von Medaillen im Vordergrund stehen - wohl wahr, aber letztlich will man als ehrgeiziger Teilnehmer doch beides haben. Auf Edelmetall zu verzichten war bei unserer Erwartungshaltung letztlich doch nicht so akzeptabel, wie es dem olympischen Geist gemäß sein sollte.

Und dann, mit etwas über einer Stunde Verzögerung kam es zum Höhepunkt der gesamten Olympiade, der Medaillenverteilung. Nur noch einmal zur Erinnerung: 30% der Teilnehmer werden mit Bronzemedaillen prämiert, 20% erhalten Silber und die besten 10% ergattern das begehrte Gold. Da das dauert, werden die Medaillenträger der Spannung zuliebe in aufsteigender Reihenfolge noch vorn gerufen. Wir hofften also, einerseits genannt und andererseits möglichst spät genannt zu werden. Zeitgleich drückten wir den Schweizern die Daumen, mit denen wir ja wie gesagt immer besonders gut klar kamen. In der bisherigen IBO-Geschichte waren sie noch nicht sonderlich erfolgreich - letztes Jahr gingen sie leer aus.

Team mit Medaillen
Der Medaillensegen (v.l.n.r. vorne): Maren Büttner (Bronze), Christina Kuhlmey (Silber), Thai Le Tran (Gold), Arne Jahn (Bronze)

Machen wir‘s kurz, denn das Ergebnis kennt ja jeder, wer es noch nicht weiß, findet es auch in der Pressemitteilung auf der Homepage des IBO-Vereins. Unsere Ängste, durch unnötige Fehler aus dem Medaillenfeld herauszufallen, hatten sich nicht bewahrheitet, mit einem 11. Platz in der Nationenwertung und dem inoffiziellen 3. in Europa waren wir sogar vergleichsweise stark. Besondere Freude bereitete natürlich auch die sechste Goldmedaille in der Geschichte der deutschen IBO-Teilnahme - die letzte gab es 2004 in Australien. Das, so finde ich, muss man uns erst mal nachmachen. Die Schweizer waren ebenfalls glücklich: mit einmal Silber und dreimal Bronze hatten sie sich selbst und ihre Vorgänger gleich dazu übertroffen - sie errangen so viel Medaillen wie alle schweizerischen Teilnehmer davor zusammen.

Für großartiges Feiern blieb uns danach aber kaum noch Zeit. Da wir bis zur endgültigen Abreise nur noch weniger als zwei Stunden hatten, ernährten wir uns beim Farewell Dinner im Hyatt ausschließlich von Desserts, weil das Hauptspeisenbuffet mal wieder mit der obligatorischen Warteschlange ausgestattet war. Und es schlug auch die Stunde des Abschieds mit Rahul. Auch wenn wir anfänglich nicht so gut mit ihm klarkamen (vor allem der Kommunikationsbarriere wegen), so funktionierte das gegen Ende doch einigermaßen - sofern wir ihn nicht überforderten, er musste uns nämlich häufig suchen. Er hatte für uns kleine Geschenke besorgt: Schneekugeln für die Jungs, Armreife für die Mädels. Das berührte uns sehr peinlich, denn wir mussten feststellen - an unseren Guide hatten wir beim Geschenke Besorgen im Vorfeld gar nicht gedacht. Wir gaben ihm stattdessen 5000 Rupien pro Nase und endschuldigten uns damit, dass wir gar nicht wussten, was wir einem Inder in Indien als Präsent kaufen sollten. Aber für die kommenden Teams: denkt da bitte schon in Deutschland dran, um diese Situation zu vermeiden.

Danach ging es mal wieder Schlag auf Schlag: zurück ins Hotel und umziehen (was Arne unbedingt schon im Bus tun musste), Gepäck holen, zum Flughafen fahren, einchecken. Alles verlief zack-zack, erst als dies getan war, durften wir unsere verbliebene Zeit verplempern, unter anderem bei dem Versuch, Rupien zurück in Euro zu tauschen. Offenbar nimmt man hier das eigene Geld nur ungern wieder zurück, denn das dauerte richtig. Den Flieger kriegten wir aber dennoch trotz aller Hindernisse und auch der Flug selbst verlief ohne besondere Vorkommnisse - wir verpennten ihn sowieso größtenteils. In Frankfurt fotografierten wir noch einmal die Medaillen nebeneinander (wir hatten ja diesmal alle Farben), es gab eine Menge Händeschütteln, dann trennten sich vorerst unsere Wege wieder.

Ich flog mit Dennis weiter nach Dresden (Menthol!) und musste dann mit ihm vor Ort feststellen, dass durch die Sperrung des Bahnhofs Dresden-Neustadt und die KIKA-Tour in der Innenstadt auch deutsche Städte so unübersichtlich sein konnten wie Mumbai. Da war die Abreise von dort noch klarer geregelt als der Schienenersatzverkehr hier. Nach vielen Umwegen fand ich dann auch noch den Weg nach Hause und nahm mir vor, fürs erste auf indisches Essen zu verzichten. Und nachdem ich meinen Jetlag endlich los war, endete die Reise nach Mumbai endgültig.

 

Extro

Das war sie nun, die 19. IBO, und ich denke, dass ich nicht zu viel versprochen habe, eher zu viel geschrieben. Einige Dinge ergaben sich natürlich noch im Nachhinein, und ich möchte die letzte Seite dieses Berichtes für Danksagungen und einen Nachruf nutzen. Keine Angst, es wird nicht so langweilig wie die Reden der indischen Veranstalter.

Die Gerüchte stimmen: es gibt auch noch ein Leben nach der Olympiade. Der Alltagstrott stellte sich relativ rasch wieder ein, auch das Medienecho verhallte schnell. Dieses Jahr war es ohnehin vergleichsweise verhalten. Eine letzte Zusammenkunft der Mannschaft gab es dennoch zum 3. Tag der Talente in Berlin, wo die Sieger aller vom BMBF gestützten Wettbewerbe in einem dreitägigen Medienspektakel geehrt werden. Neben uns waren auch Teilnehmer der 3. und 4. Auswahlrunde zur Stelle, um das Budget vollständig auszureizen. Es war ein frohes Wiedersehen, und es wurde im Nachhinein noch ein weiteres, letztes Mal klar, dass man auch bei einem Wettbewerb in Einzelwertung nicht als Einzelkämpfer auftritt.

Insbesondere gehört die Arbeit vieler Leute im Hintergrund dazu. Da ist zum einen die Jury, deren intensive und nervenaufreibende Arbeit bereits ein paar Mal angesprochen wurde und gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Die Teilnehmer stellen eben nur die Hälfte einer Mannschaft und ein guter Medaillenspiegel adelt die Begleiter mindestens genauso wie die Olympioniken. Der andere Teil der Ehre geht an die ganzen Helfer während der Auswahlrunden und Vorbereitungsseminare, die diese Arbeit wohlgemerkt auch auf freiwilliger Basis ausüben. Auch an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank, und vielleicht stößt der eine oder andere aus dieser Mannschaft zu diesem illustren Kreis mit dazu. Dank gebührt ebenfalls den Geldgebern und sonstigen Unterstützern unserer Delegation, denn auch ohne Sie wäre ein erfolgreiches Abschneiden, vielleicht sogar unsere Teilnahme, nicht möglich gewesen.

Solch eine erfahrene Veteranenmannschaft wie dieses Jahr wird es so bald nicht geben, alle vier von uns haben inzwischen ihr Studium begonnen und machen nun Platz für die nachrückenden Talente. Wer es wird? Keine Ahnung, wer glaubt, das Zeug dazu haben, solle sein Bestes geben und bei den verbliebenen zwei Auswahlrunden sein Können zeigen! Was euch in der Endrunde so alles erwartet, hat vielleicht dieser Bericht ein bisschen vermitteln können - aber in Japan wird auch vieles, vieles ganz anders laufen. Schade, dass ich nicht dabei sein kann, deshalb bin ich schon gespannt, was in der nächsten Ausgabe zu lesen ist. Aber Vorsicht: die Erwartungen an das Resultat liegen diesmal hoch!

Und zu guter Letzt noch ein paar Worte des Danks und der Anteilnahme an Walter Stechel. Wer die Medien in den vergangenen Tagen verfolgte, weiß, dass er nicht gern in der Haut dieses Mannes stecken würde. Durch die bislang in Indien beispiellose Anschlagsserie vom 27. bis 29. November kamen in Mumbai insgesamt fast 200 Menschen um, womöglich steigt die Zahl noch an. Dies hielt das Generalkonsulat rund um die Uhr in Atem und ich bin mir sicher, dass er seine Arbeit effizient und gewissenhaft erledigt hat und noch erledigt. Ich bin von den Ereignissen selbst tief betroffen, denn wir besuchten Orte, an denen Kugeln und Granaten flogen, und ob auch Menschen verletzt wurden oder gar starben, die wir während der IBO kennenlernten, das erfahren wir vielleicht nie. Was geschehen wäre, hätten die Angriffe während unseres Aufenthaltes stattgefunden, darüber denken wir besser nicht nach. Daher will ich an dieser Stelle noch einmal darum bitten, dass jeder Leser der Opfer gedenkt und sich dafür einsetzt, dass sich derartige Ereignisse nicht wiederholen.

An dieser Stelle möchte ich den Bericht - oder auch das Reisetagebuch - der 19. Internationalen Biologieolympiade in Mumbai abschließen, hoffentlich ohne grobe faktische Fehler. Keine Olympiade gleicht der anderen, aber eines haben sie alle gemeinsam: sie sind unvergesslich.

Vielen Dank für Ihre Geduld und Ihr Interesse.

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